Jürgen Raap
Portrait:Jürgen Raap

JÜRGEN RAAP, "Die Straße des Lithografen" - Metaphysisch-urbane Malerei
Galerie im Bezirksrathaus, Köln-Ehrenfeld
14. November bis 13. Dezember 2008


"Hauptmotiv meiner Malerei sind phantastisch-realistische Landschaften: Es sind zum Teil völlig freie Bilderfindungen, zum Teil aber auch malerische Weiterbearbeitungen von Zeichnungen und Aquarellskizzen, die in der eigenen großstädtischen Lebenswelt entstanden sind. Das motivliche Interesse gilt urbanen Randbezirken wie Bahndämmen und alten Bahnhöfen, Schrebergartensiedlungen, Schrottplätzen, industriellem Brachland oder Hafenanlagen.

Ich male nicht jene prosperierenden großstädtischen Areale, die von der Zukunft künden, d.h. nicht die Kathedralen der postmodernen Dienstleistungsgesellschaft und auch nicht jene einer globalisierten Wirtschaft mit ihrer ästhetisch uniformen, standardisierten Architektur, sondern die Bildfindung focussiert sich auf die morbide, untergehende Welt des Industriezeitalters: so halte ich z.B. in Ehrenfeld und seinen angrenzenden Quartieren jene Stellen im Bild fest, die es in dieser Erscheinungsform bald nicht mehr geben wird.

Es sind sozusagen Erinnerungsbilder.

Aufgewachsen bin ich im Kölner Eigelsteinviertel. Bis weit in die 1960er Jahre erstreckte sich dort von der Machabäerstraße bis zur Maximinenstraße und dem Hauptbahnhof über zwei Häuserblocks ein riesiges, eingeebnetes Trümmerfeld. Heute verläuft dort die Nord-Süd-Fahrt (Turiner Str.). Als Kind stand ich häufig dort am Rande dieser Brache und schaute auf die große Halle des Hauptbahnhofs. Wenn die Züge von der Hohenzollernbrücke in den Bahnhof hinein fuhren, kamen die großen schweren Dampflokomotiven am anderen Ende erst außerhalb der Halle zum Stehen. Das Schnaufen und Zischen dieser schwarz glänzenden Lokomotiven war bis zur Machabäerstraße zu hören, sie spieen dicke Schwaden weißen Wasserdampfes in den Himmel. Ich stand an manchen Nachmittagen oft sehr lange da und schaute versonnen den Lokomotiven zu, und ich wartete, bis die Züge endlich weiterfuhren und über die Weichen in Richtung Hansaring rumpelten… Wohl nicht zuletzt deswegen tauchen häufig Bahnhöfe, Bahnlinien, Eisenbahnzüge und Straßenbahnen in meiner Bildwelt auf. Ein anderer Hinweis auf diese Ikonografie ergibt sich aus der Tatsache, dass mein Großvater in den 1930er Jahren Bahnhofsvorsteher in Ostpreußen gewesen war.

Diese Trümmergrundstücke der Nachkriegszeit waren für und als Zehn- und Zwölfjährige ideale Spielplätze gewesen. Wir spielten "Cowboy und Indianer", und wir stellten uns als Neun- oder Zehnjährige vor, diese verwilderten Brachflächen seien die Prärien des Wilden Westens... Die Straßenbahnen, die ich male, haben das Design der 1950er und 1960er Jahre. Sie erinnern mich an langweilige Sonntagsausflüge in den Königsforst oder in den Stadtwald, bei denen ich mich im "Sonntagsanzug" nicht schmutzig machen durfte. Ich sehnte mich danach, in der Woche wieder mit meinen Freunden in den Trümmerlöchern Indianer zu spielen.

Der Ausstellungstitel "Die Straße des Lithografen" bezieht sich auf die Straße, in der ich heute in Ehrenfeld wohne, benannt nach Alois Senefelder, dem Erfinder der Lithografie. Ein Taxifahrer erzählte mir mal, in den früheren wilden Zeiten, als Ehrenfeld im Volksmund noch "Räuberfeld" hieß, da nannte man die Senefelderstr. eine "Sackgasse": "Du kamst zwar hinein, aber nicht mehr ungeschoren hinaus…"

Jürgen Raap, 2008

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